Was ist evangelikal?
19. 6. 2007 | von: David Brunner
Schon einige Zeit geistert immer wieder eine Frage durch mein Hirn: »Was ist evangelikal?« Die Bibel wörtlich nehmen? Die Verbalinspiration anerkennen und lehren? Absage an Charismatik? Den Herrn Jesus lieben und nur von ihm reden? Mystische und meditative Angebote generell erst einmal kritisch sehen und vom Gefühl her ablehnen? Oder bin ich schon evangelikal wenn ich sage, dass nur Jesus rettet? Kommen nur Evangelikale in den Himmel? Ist alles, was nicht evangelikal ist, liberal?
Ich habe den Eindruck, dass sich das in den letzten Jahren sehr gewandelt hat bzw. die Gruppe der Hardcore-Evangelikalen immer geringer wird - oder auch immer größer, denn nicht selten werden auch Charismatiker unter die Evangelikalen subsummiert, was vor vielen Jahren noch undenkbar war, denn schließlich galt (und gilt heute teilweise immer noch) die charismatische Bewegung als »Bewegung von unten« (vgl. die Berliner Erklärung von 1909). Darüber hinaus finden sich immer mehr Evangelikale nun auch in der (man höre und staune) Landeskirche - eine Absage an den Pioniergeist der freien Gemeinden. Evangelikale mischen sich mehr und mehr in die Politik ein und haben in ihren Predigten mehr zum Inhalt als nur »Glaub an Jesus und du kommst nicht in die Hölle!«. Evangelikale erkennen - oh Wunder - sogar Frauen als Pastoren und als Trägerinnen von Leitungs- und Verantwortungsaufgaben an. Hmmmm, was für Schlüsse ziehen wir daraus? Ist die evangelikale Bewegung verkommen? Was ist überhaupt die »evangelikale Bewegung«? Ist sie verweichlicht und liberalisiert? Hat sie sich zurückgezogen in die Ecken und Nischen und malt Fische als Erkennungssymbol an die Wände? Wie ist die Entwicklung zu beurteilen?
Mich würde es sehr interessieren, was Du als Leser oder Leserin dazu denkst.
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Kommentar von Achti am 19. Juni 2007
Du machst sehr deutlich, wie verwässert dieser Begriff ist. Ich habe mich bisher auch immer in die evangelikale Ecke gestellt, überlege aber, ob ich mir aufgrund bestehender Vorurteile und Missverständnisse nicht ein Eigentor schieße. Hm.
Dr.Dreytza (Krelingen) machte schon vor Jahren auf dieses Problem aufmerksam, und bezeichnete sich selbst deshalb als Pietist. Der Begriff ist aber auch schwierig, weil dann alle denken, man bräuchte ein datierbares Bekehrungserlebnis und müsste gegen den Heiligen Geist - pardon: gegen Charismatiker sein.
Das passt auch nicht zu mir. Was bin ich?
Und: brauchen wir diese Etiketten überhaupt noch? Wie wäre es denn, wenn wir nicht immer nur in Abgrenzungen schreiben würden, sondern mal positiv, also was unsere Positionen sind?
Blog sei dank - das will ich demnächst tun.
Kommentar von Thomas am 19. Juni 2007
Das kann man noch weiter führen: Was ist überhaupt ein Charismatiker? Jemand der die Hände beim Lobpreis hebt? Jemand der an Heilung und/oder Prophetie (heute noch) glaubt? Jemand, der in Zungen spricht? Was ist eigentlich der Unterschied zum Pfingstler?
Spricht eigentlich was dagegen sich als Christ zu bezeichnen? Oder als nähere Beschreibung “evangelisch (freikirchlich)”.
Kommentar von fono am 19. Juni 2007
@Achti
>Was bin ich?
Diese Frage und die Frage, an was ich glaube und wo meine Wurzeln sind finde ich sehr wichtig für jeden Christen unabhängig seiner Denomination. Für mich selbst haben diese Fragen seinerzeit immerhin den Weg in die RKK geebnet. Und auch wenn nicht jede/r gleich Katholik werden muss, sollten sich auch die Evangelikalen mit dieser Frage beschäftigen.
Kommentar von fono am 19. Juni 2007
Hier klappt übrigens was mit der Formatierung nicht.
Kommentar von Daniel am 20. Juni 2007
…ich bezeichne mich in der Regel als “evangelisch” - und verstehe darunter alles, was gewöhnlich unter dem Label “evangelikal” läuft… Das mag eine Vereinnahmung sein, aber dazu stehe ich.
Kommentar von Peter am 20. Juni 2007
@fono: eigentlich stellst Du hier eine richtige Frage: was sind meine Wurzeln, oder “wo komme ich her”. Das ist wichtig, um zu verstehen, wie ich ticke, warum ich bei bestimmten Dingen so denke, wie ich denke. Genauso wichtig ist für mich aber die folgende Frage: “wo geh ich hin”. Wie entwickle ich mich von meinen Wurzeln weiter?
Ich war vor einigen Monaten auf einem Treffen, bei dem Klaus Douglass (Pfarrer in der Andreasgemeinde Niederhöchstadt/ bei Frankfurt) über “Trinitarischen Glauben” gesprochen hat. Das ganze hat sich an einem Buch von Christian Schwarz orientiert. Das Fazit ist recht simpel: alle drei großen Strömungen - liberal, evangelikal (früher übrigens pietistisch genannt), charismatisch - haben jeweils ihre Stärken. Und genauso ihre Nachteile. Das heißt z.B.: es ist gut, dass ein evangelikaler “das Wort” betont und ernst nimmt. Schlecht ist, dass dabei andere Dinge, wie Lobpreis oft ausgegrenzt oder gar verteufelt werden.
Daraus folgt für mich: ich will Anteile von allen drei Strömungen haben, um ein möglichst ausgeglichener, ganzheitlicher Christ zu werden.
Insofern finde ich Etiketten hilfreich, um einen Zustand zu beschreiben - solange man dabei nicht stehen bleibt.
Kommentar von David am 20. Juni 2007
@peter: da stimme ich dir (mal wieder
) zu. aber ist es nicht verpöhnt, aus der “liberalen strömung” etwas aufzunehmen?
aber wenn man an douglas/schwarz denkt - dann denke ich, die betonung gottes als des schöpfers ist ja an und für sich nicht falsch; bewahrung der schöpfung, soziale gerechtigkeit usw. sind alles dinge, gegen die man als christ nicht sein kann, sondern die man nur befürworten kann - aber gerade das wird ja aus evangekikaler sicht (wenn es diese gibt) den liberalos vorgeworfen, dass sie eben nur dies betonen. von daher: prüfet alles und das beste behaltet. stillstand ist der tod. 
Kommentar von Peter am 20. Juni 2007
…geh voran, bleibt alles anders…
Ja, es ist völlig verpönt, was von den Liberalen zu übernehmen. Das ist für einen Charismatiker oder Evangelikalen wohl fast so schlimm, wie für manch andere die böse böse Rockmusik, die ja sowieso von unten kommt. Öhm….aber ich schweife ab.
Der Punkt ist: man muss sehen, was LIBERAL bedeutet. Da steckt nämlich auch ganz viel Freiheit drin. Und genau das will Gott doch - dass wir frei werden vom Joch der Sünde. Bei vielen Evangelikalen habe ich den Verdacht, dass sie das Joch der Sünde gegen das Joch der Evangelikalität eingetauscht haben - und die Knechtschaft ist zum Teil fast noch schlimmer. Warum haben denn soviele Leute das Bild von Christen “das sind die, die sich an ganz viele blöde Regeln halten müssen”???? Da ist definitiv was schief gelaufen und das kann so einfach auch nicht weitergehen.
Da brauchen wir einfach das ganze Bild - und das Beste eben aus allen drei Strömungen. Dann wird das schon.
Kommentar von Peter am 20. Juni 2007
Ach so, ja, ich bin von Haus aus Charismatiker, der früher aber evangelisch war, jetzt in eine evangelikale Gemeinde geht, hin und wieder Lieder eines katholischen Liederschreibers singt (Albert Frey)…..und die Vorstellung, dass ich was Gutes an der Liberalen Bewegung finden könnte, fand ich schon gruselig an sich. Aber die Zeiten ändern sich und ich will mich auch für die Liberale Strömung öffnen.
Was bin ich dann am Schluss? “Christ” trifft es wohl dann doch am besten, weil ich irgendwie versuche, Jesus zu folgen.
Das musste noch gesagt werden.
Kommentar von David am 20. Juni 2007
in der tat ist die frage, ob man nicht lieber “liberal” im positiven sinne als “evangelikal” im negativen sinne sein will. wobei: gibt es eine gute mischung? ich denke dort, wo wirklich die “freiheit eines christenmenschen” gepredigt und gelebt wird; und das ist in sogenannten “evangelikalen kreisen” leider viel zu selten.
@peter: was würdest du denn aus der “liberalen bewegung” adaptieren wollen?
generell, um den begriff “liberal” vielleicht besser verstehen zu können in diesem zusammenhang, empfehle ich das buch “die 3 farben deiner gaben” von christian a. schwarz: http://www.cundp.de/index.php?id=35
Kommentar von PeterA am 25. Juni 2007
Was Deutschland angeht, ist es doch schön, wenn die Schubalden nicht mehr so eindeutig funktionieren. Gibt es “liberal” als Selbstbezeichnung eigentlich noch?
Zusätzlich problematisch wird der Begriff “Evangelikal”, weil das sehr oft mit der Mehrheit der Evangelikalen in den USA und deren stramm konservativen politischen Einstellungen in Verbindung gebracht wird, vor allem mit der Unterstützung des Irakkriegs und Ignoranz in Umweltfragen und sozialer Gerechtigkeit.
Kommentar von David am 25. Juni 2007
@peter: absolut. ich finde es wichtig, dass wir uns von einem schubladendenken verabschieden und würde mir wünschen, dass “die evangelikalen” sich mehr und mehr für “andere” öffnen, von ihnen lernen.
ich denke, dass dies auch unter den “jungen wilden” durchaus geschieht. da ist man einfach noch nicht so festgefahren.
“soziale gerechtigkeit” ist mehr oder minder ja auch so ein “liberales schlagwort” - aber kein ernsthafter christ darf sich dieser thematik entziehen.
Kommentar von Peter am 30. Juni 2007
Von der Liberalen Seite würde ich gerne adaptieren:
- generell mehr Freiheit und echte Toleranz (”unechte” Toleranz ist aus
meiner Sicht, wenn man Dinge toleriert, weil sie einem eigentlich egal
sind - das ist dann aber keine Toleranz, sondern eine gewisse “Wurstigkeit”)
- Achtung vor der Schöpfung
- mehr Diakonie
- mehr Wertschöpfung für Kultur
Ich denke, das wären die wichtigsten Punkte.
Kommentar von David am 4. Juli 2007
diakonie und kultur. das sind so zwei dinge, die meines erachtens in der evangelikalen welt sehr brach liegen. ich erlebe das über sound7.de: musik hat bei vielen frommen nur dann berechtigung, wenn sie als mittel der evangelisation dient. aber nicht, um ihrer schönheit willen.
da man gemälde, theater und instrumentale musik schlecht (auch wenn ich da anderer meinung bin) als evangelistisches mittel einsetzen kann, kommt das in der kulturellen sphäre vieler evangelikaler gar nicht vor. schade eigentlich.
das andere ist die diakonie. aber hallo. zeuge sollen wir sein. in wort UND tat. nicht nur das wort.