Studienreise Tag 9: Gespräch mit John Finney.

Was für den Tag zuvor galt, gilt auch heute: lang ersehnt und immer wieder Momente des Kinnlade-nach-unten-fallens. Wir trafen Bischof John Finney, der quasi der “theologische Vater” der “Mission Shaped Church” bzw. “Fresh Expressions of Church” ist. John Finney ist ein absolut netter Kerl und zugleich so was von reif an Lebenserfahrung und geistlichem Weitblick, dass es eine Freude war, seinem Vortrag zu lauschen. Der Vorteil: da er diesen Vortrag schon in Bonn gehalten hat, waren die Powerpointfolien deutsch/englisch. Ganz nahbar und „menschlich“ wurde er, als er auf witzige Weise erzählte, wie es Professor Herbst war, der ihm beibrachte, wie man mit Powerpoint umgeht.

Sein Vortrag gliederte sich in zwei große Teile: zum einen ging es um die Ausbildung und Ausbildungsstrukturen innerhalb der Church of England und anderen sagte er einiges Interessantes zum Thema „Erneuerung / Erweckung“.

Zur Ausbildung in der Church of England könnte man einiges schreiben (das werde ich auch in einem ausführlichen Bericht tun, aber nicht hier im Blog ;-) ). Hervorheben will ich nur ein paar Punkte:

Am Anfang (quasi bei der Entscheidung zum Theologiestudium) steht die Frage im Mittelpunkt, wie es denn mit der persönlichen Berufung aussieht. Ein Gespräch, das bis heute niemand aus der Kirchenleitung mit mir geführt hat. Finney erzählte, wie eines Tages ein Mann zu ihm kamm und sagte: „Ich möchte Pfarrer werden!“ Darauf antwortete ihm Finney: „Möchten auch andere, dass Du Pfarrer wirst?“

[singlepic=233,320,240,web20,left]Weiter geht es mit kontinuierlichen Gesprächen mit dem Dekan und schließlich gibt es dann eine Auswahlkonferenz. So etwas wie ein „Assessment-Center“ oder das „Übernahmeverfahren“, wie es in der badischen Landeskirche heißt. ABER: Das steht nicht am Ende des Studiums und Lehrvikariats, so dass 6-8 Jahre „in den Sand gesetzt sein könnten“, wenn man nicht besteht - nein, in England steht es am Anfang. Sehr cool. Und: die Kriterien, auf die es ankommt, sind von Anfang an klar. Da gibt es ein Paper, auf dem diese Kriterien (u.a. missionarisches Anliegen, eigenes geistliches Leben, charakterliche Eigenschaften, zwischenmenschliche Kompetenzen, …) stehen und das die KandidatInnen alle bekommen. So weiß jeder, wo er dran ist. 

In Deutschland soll es ja Landeskirchen geben, die ganz bewusst nicht verraten, was die Kriterien sind…

Aber auch die „Fort- und Weiterbildung“ ist interessant. Bei uns in der Landeskirche gibt es ein paar Kurse wie bspw. „Verwaltung“ oder „Diakonie“, die man besuchen muss und ein paar Wahlkurse wie „Kindergottesdienst“ oder „neue Gottesdienstformen“ oder ähnliches. Das sind dann einwöchige Seminare und man bekommt die Bescheinigung, dass man auf diesem Gebiet sich weitergebildet hat.

Anders in der Church of England (wie könnte es auch anders sein). Dort gibt es eine „ständige Fort- und Weiterbildung“ die aus 5 Punkten besteht:

1. Ein fünfjähriges Leiterschaftsprogramm, in dem es um klassische Themen wie Zeitmanagement, Umgang mit Konflikten, Begleitung Ehrenamtlicher geht, aber auch um weitere Inhalte wie: postmoderne Pionierarbeit, Bewegung zum anleitenden Dienst, zukünftige Gestalt der Kirche, persönliche Evangelisation.

2. Mentoren. Hier sollen dienstliche Angelegenheiten besprochen, Fragen geklärt und Probleme erörtert werden. Ca. drei Treffen pro Jahr. 

3.Rückblick mit einem leitenden Kollegen (bspw. Bischof): Gemeinsam geht man das vergangene Jahr durch und klärt, ob Fortbildung nötig ist. Gemeinsam werden Ziele gesetzt und man betet miteinander.

4. Geistliche Begleitung. Hier geht es (wie Finney es nannte) um die „persönliche Pilgerreise des Menschen mit Gott“. In der geistlichen Begleitung wird geklärt und findet statt: gestliche Übungen, das eigene Gebetsleben, jährliche Einkehrtage oder ähnliches. Es gibt in jeder Diözese eine Liste von ca. 40 ausgebildeten Pfarrern in diesem Bereich. Für mich sehr aufschlussreich und wieder mal das Kinn nach unten bewegend war die Tatsache, dass 80 (!) Prozent der Pfarrer dieses Angebot in Anspruch nehmen.

5. Kleingruppen. Hier treffen sich die Geistlichen auch mit Laien (man könnte es ein wenig mit einem Hauskreis vergleichen). Ziel ist es, den Glauben wahrhaftig zu leben.

Nachdem dies alles für uns schon ziemlich krass (im positiven Sinne) war, legte Finney mal in ein paar Minuten dar, wie er das Thema „Erweckung/Erneuerung“ sieht. Einfach sehr sehr cool, mit welcher Souveränität und Autorität er über solch ein „heikles Thema“ sprach.

Was ist Erneuerung eigentlich?

Neues Leben (Revival) - vor allem das souveräne Handeln Gottes, wenn er konkret in Situationen hineinwirkt und diese verändert

Erneuerung (Renewal) - das gemeinsame Handeln von Gott und Menschen

Reform (Reform) - vor allem menschliches Handeln

Die erneute Vitalisierung des Lebens einer Organisation oder einer Person, bei der Erstarrtes neu auflebt, Eingefahrenes neuen Schwung bekommt und sich neue Möglichkeiten eröffnen.
Kennzeichen der Erneuerung
Gottesbegegnung (an encounter between God and us)
Neuentdeckung der Bibel
durch den Heiligen Geist
aus
Buße (Umkehr) gegründet
baut
Beziehungen, Gemeinschaft
führt zur
Mission.

Erneuerung ist nicht für uns Christen, sondern für die Welt.

Wenn Erneuerung geschieht, gibt es einige (Leavers), welche die Kirche verlassen und neue Gemeinden gründen, aber es gibt auch diejenigen, die bleiben (Stayers) und in der Kirche diese Erneuerung voranbringen wollen.

Die Leavers teilen sich wiederum in zwei Richtungen auf: zum einen kann sich eine größere Kirche/Denomination daraus bilden (wie bspw. im 18. Jahrhundert die Methodisten) zum anderen verzweigen sich aber manche auch so weit, dass sie Einfluss verlieren und nur noch eine kleine, unbedeutende Rolle spielen.

Warum bleiben die Stayer in der Kirche? Weil sie die Gemeinschaft mit den anderen schätzen und suchen und weil sie die Hoffnung nicht aufgeben, dass sich die Kirche verändert.

Das sind nur ein paar Gedanken gewesen. Die Begegnung hier vollständig aufzuschreiben, würde hier den Rahmen sprengen. Deswegen lasse ich das lieber mal…

Doch es bleibt: es war einfach genial mit John Finney.

3 Responses to “ Studienreise Tag 9: Gespräch mit John Finney. ”

  1. Hey you, wollte an dieser Stelle mal Danke sagen für deine interessanten Beiträge/Einblicke der letzten Tage. Und: willkommen zurück auf deutschem Boden :-). LG, Julia

  2. HI Julia!
    Danke für die netten Worte….es ist schön, auch wieder in Deutschland zu sein und das englische Frühstück hinter sich zu lassen. :wink_ee:

  3. [...] Tag 9: Gespräch mit Bischof John Finney. [...]

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