Opfern wir den Opfertod Jesu?

Date 7. 4. 2007 | von: David Brunner

In der aktuellen Ausgabe der »Standpunkte« ist ein Plädoyer für eine neue Abendmahlsliturgie zu lesen. Verfasser dieses Plädoyers ist der emeritierte Theologieprofessor Klaus-Peter Jörns. Überschrieben ist das Plädoyer mit der Aussage »Jesus hat für uns gelebt. Er ist nicht für uns gestorben«. Der Verfasser plädiert für eine Änderung der Abendmahlsliturgie, die vor allem den Opfer- und Sühnetod Jesu radikal außen vor lässt. Eine - wie ich finde - theologisch nicht nachvollziehbare und höchst strittige Forderung.

Jörns schreibt unter anderem:

Jahrhundertelang war Gottes Gnade viel bedeutender als Gottes Liebe. Doch auch gnädig war Gott nicht aus sich selbst, sondern nur, weil Jesus die Schuld der Menschen stellvertretend auf sich genommen und mit seinem Tod bezahlt hat. Gott bleibt nach dieser Theologie an das alte Gesetz gebunden, wonach es »ohne Blutvergießen keine Vergebung gibt« (Hebräerbrief 9,22).

Und was ist mit Psalm 103? Dort heißt es: »Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte.« (Psalm 103,8) Selbst mit den kritischsten aller methodischen Vorgehensweisen wird man den Psalm nicht nach die Kreuzigung datieren können. Wie also kommt Jörns auf die Idee, Gott könne nur auf Grund der Heilstat Jesu gnädig sein? Gnade und Liebe - das ist Gottes Wesen seit jeher. Nicht erst seit dem Tod Jesu Christi.

Weiter schreibt Jörns:

Wie bei Paulus sind im Apostolischen Glaubensbekenntnis nur Jesu Tod und Auferstehung wichtig, sein Leben nicht. Denn Gott nimmt die sündige Menschheit gnädig an, nur weil »Christus als unser Passahlamm geopfert worden ist« (1. Korintherbrief 5,7). Wir hätten danach nur ein bedingtes Lebensrecht. Von einer freien, wirklichen Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen kann keine Rede sein. Dieser Gott ist ein armer Gott, ein Gefangener seiner eigenen Gehorsamsforderungen, der Jesu Evangelium irgendwann im Recht- und Allmacht-Haben verloren hat. Ihn haben die Kirchen in ihrer Drohbotschaft benutzt, die immer liebloser wurde, je mehr Macht die Kirchen bekamen.Dieser Gott ist ein durch Gewalt korrumpierter Gott. Sein eigenes Paktieren mit Gewalt legitimiert bis heute auch andere, angeblich »heilige Gewalt«.

Dass der Mensch nur ein bedingtes Lebensrecht aus Gott heraus besitzt, geht nicht nur haarschaf an biblischer Anthropologie vorbei, sondern verfehlt diese um Längen. Ein unbedingtes und unwiderrufliches Lebensrecht hat Gott dem Menschen in der Schöpfung zugesprochen. »Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.« (1. Mose 1,27) Wie kann Jörns nur zu dem Schluss kommen, der Mensch besitze lediglich ein »bedingtes Lebensrecht«? In der Theologie spricht man auch von der »imago Dei«, dem Bild Gottes. Die Gottebenbildlichkeit bleibt als wesensmäßige Beziehung des Menschen zu Gott auch nach dem Sündenfall erhalten (1. Mose 9, 6). Das Neue Testament begreift die Gottebenbildlichkeit als Bestimmung des Menschen, die in Jesus Christus vollkommen erfüllt ist (Kolosser 3, 10 folgende; Epheser 4, 24) - aber eben nicht von Christus her gedeutet wird, sondern schon in der Schöpfung angelegt ist. Seltsam also, wie Jörns überhaupt davon sprechen kann, der Mensch könne nur ein »bedingtes Lebensrecht« besitzen.

Im weiteren Verlauf seines Plädoyers geht Jörns darauf ein, dass Jesus dem ungerechten und in sich selbst gefangenen Gott gegenüber das Ideal der »dienenden Liebe« gelebt hat - in Wort und Tat.

So schreibt Jörns weiter:

Wer Jesus diese Gottesliebe glaubt, dem bleiben die alten Kreuzes- und Abendmahlslieder beim Singen im Halse stecken. Serh viele Pfarrerinnen und Pfarrer empfinden es als Qual, aus den für die Passionszeit vorgesehenen Liedern und biblischen Lesungen etwas für die Gottesdienste auszuwählen. Sie wollen keine Sühnopfertheologie mehr reproduzieren, die auf den Kopf stellt, was sie von Jesus und seiner Verkündigung wissen.

Fatal. Viele Pfarrerinnen und Pfarrer sind geprägt von den Erkenntnissen der so genannten »historisch kritischen Methode«. Hier wird der Exeget Herr über den Text und kann mit ihm nach Belieben machen, was er will. Sicher: jetzt mögen einige protestieren und sagen: »Stimmt nicht. Es gibt eindeutige Methodenschritte, nach denen man vorgeht, um einen biblischen Text zu exegetisieren und zu eruieren, was davon echt ist«. Sicher. Das mag sein. Ein Phänomen ist es dennoch, dass die historisch-kritische Methode an ihrer eigenen Zielmaßgabe gescheitert ist: Den eigentlichen Kern der biblischen Botschaft freizulegen. Das kann eine allein auf menschlicher ratio basierende Methode sowieso nicht und die Realität beweist es: Die historisch-kritische Methode legt nicht den Kern der biblischen Botschaft frei, sondern die Ergebnisse ihrer angewandten Forschung sind dermaßen diffus und vielfältig, dass sich kein einheitliches Bild mehr zeichnen lässt. Doch was bitteschön soll eine Methode bringen, die am Ende endlos viele Ergebnisse zu Tage bringt?
Darüber hinaus geht es nicht darum, eine Sühnopfertheologie zu reproduzieren, sondern die biblische Botschaft, wie wir sie lesen, zu verkündigen - und dann lese man Markus 10,45: »Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele.« Selbst die kritischsten Exegeten sehen hierin ein »echtzes Jesuswort« - wie arrogant muss man sein, um Jesuswort in »echt« und »unecht« zu unterscheiden?

Jörns weiter:

Sie [die Pfarrerinnen und Pfarrer; Anm. d. Verf] verstehen zwar, dass Paulus und andere Apostel den erniedrigenden Tod Jesu nicht aushalten konnten und dass sie versucht haben, diesem Tod mit dem damals geläufigen jüdisch-hellenistischen Gedanken vom blutigen Opfer einen positiven Sinn zu geben. Aber solch eine Deutung ist zeitbedingt, ein glaubensgeschichtliches Dokument, kein für immer gültiges Glaubensgesetz.

Hier sind wir mitten in dem Dilemma, in dem die moderne Theologie sich befindet: man opfert das biblische Zeugnis dem Zeitgeist. Nichts soll ewig Bestand haben, sondern lediglich ein Kind seiner Zeit sein. Doch wie um alles in der Welt soll uns dies dann ein »Trost im Leben und im Sterben« werden, wenn alles zeitbedingt und nicht ewig gültig ist? Wir würden gut daran tun, Gottes Wort als solches ernst zu nehmen, wahr zu nehmen, zu erforschen - auch wissenschaftlich. Unbedingt! Aber wenn wissenschaftlich, dann bitteschön auch mit wissenschaftlichen Methoden.

Wir können diese zentrale Aussage des Neuen Testaments, dass Jesus für unsere Sünden gestorben ist, nicht dem Zeitgeist opfern. Ansonsten würde unser Glaube im wahrsten Sinne des Wortes »blutleer werden«.

4 Kommentare »

  1. Kommentar von fono am 7. April 2007

    Das ist kein Problem der historisch-kritische Methode, denn die ist unter Einhaltung bestimmter Richtlinien vollkommen in Ordnung. Erkenntnisse wie diese sind meiner Meinung das Ergebnis und die Konsequenz eines fehlenden Lehramts im Protestantismus. Damit müsst ihr wohl irgendwie umgehen. Dass Jörns Aussagen häretisch sind, steht natürlich außer Frage.

  2. Pingback von Karfreitag Aftermath « KOW’s Blog am 7. April 2007

    […] Und dann kommt ja regelmäßig um diese Zeit wieder die Diskussion darüber auf, ob man als Christ überhaupt trauern sollte. Brunner24 setzt sich ausführlich mit der Frage auseinander, ob wir in unserem Glauben nicht vielmehr Jesu Leben und Lehren betonen und die Opfer-Interpretation seines Kreuzestodes als alttestamentarisches Relikt betrachten sollten. Dabei ist doch sein Tod das einzig entscheidende. Das Lehren hätte jemand anders übernehmen können, die schönen Gleichnisse können andere auch gut erzählen. Aber stellvertretend für mich, für meine Sünden, konnte nur er Sterben. (Nebenbei muss ich fono mal wieder widersprechen, wenn er solche Aussagen als Produkt des Fehlens eines Protestantischen Lehramtes sieht. Dieser Mensch würde soetwas auch schreiben, wenn er unter dem Katholischen Lehramt stehen würde. Die Katholische Kirche würde ihn deswegen wahrscheinlich und zu Recht exkommunizieren aber gewonnen wäre damit nichts. Viel wichtiger wäre es, immer wider zu Betonen, welche Bedeutung der Kreuzestod für unser Seelenheil hat.) […]

  3. Pingback von Daniel en blog » Blog Archive » Jesus – Opfer für uns?! am 9. April 2007

    […] Selbige veröffentlichen in ihrer April-Ausgabe ein »plädoyer« des emeritierten Theologieprofessors Klaus-Peter Jörns: »Jesus hat für uns gelebt. Er ist nicht für uns gestorben. Wir brauchen eine neue Abendmahlsliturgie«. Den Inhalt hat Dave in seinem Startbeitrag bereits grob skizziert. Wer den ganzen Text lesen möchte, findet ihn hier. […]

  4. Pingback von 3D-Bloggen: Jesus nicht für uns gestorben? | Vries-Land.de am 15. April 2007

    […] David meint, dass Jörns hier selbst opfert - nämlich das biblische Zeugnis für den Zeitgeist. Darüber hinaus macht er die historisch-kritische Methode mitverantwortlich für das Dilemma, in dem sich viele Pastoren befinden, die mit den alten Kreuzesliedern nichts mehr anfangen können. Daniel stellt darüber hinaus in Frage, ob es tatsächlich diese Brüche vom Alten Testament über Jesus zu Paulus gibt wie von Jörns behauptet. Und fügt hinzu, dass, wenn auch ihm das Singen der Kreuzeslieder manchmal schwer falle, dies gerade auszuhalten sei. […]

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