Gedanken aus dem Predigerseminar: Joachim Neander.

Date 14. 11. 2007 | von: David Brunner

Gestern habe ich eine Andacht im Predigerseminar gehalten - zu Joachim Neander. Ein sehr begnadeter und gesegneter Mann! (Der Text mag ein wenig unvermittelt einsteigen, aber ich habe das liturgische Drumherum der Andacht weggelassen hier.)

Lobpreis ist ja so ein Thema. In der jüngeren Kirchengeschichte gibt es immer wieder Versuche, gute Lobpreislieder zu schreiben – aber leider bleibt es oft bei dem Versuch. Lobpreis im Gottesdienst – das ist das Thema der »liturgischen Arbeitsgruppe«, in der ich bin. So beschäftigt mich das Thema also auch sehr aktuell.
Eine weitere Sache, die mich aktuell beschäftigt oder sagen wir beschäftigt hat ist die 4:0-Niederlage des KSC bei Werder Bremen. Aber was hat das mit Lobpreis zu tun? Bremen und Lobpreis? Wo ist da die Verbindung? Wir finden sie in Joachim Neander.

Joachim Neander. Er wird auch der »Psalmist des Neuen Bundes« genannt.

In äußerlich schwierigen Zeiten lebt und wirkt Joachim Neander. Sein Ziel: Gott, als den König der Ehren den Menschen nahezubringen. Dafür wird er zum Psalmist des Neuen Bundes - und nicht älter als 30.

Verwüstete Städte, niedergebrannte Dörfer, Verwahrlosung und tiefe Verzweiflung der Menschen. So sieht Deutschland 1650 aus, als Joachim Neander zwei Jahre nach Ende des 30jährigen Krieges in Bremen geboren wird. Schon als Kind findet Neander in der Bibel Trost und Halt in dieser hoffnungslosen Zeit und früh ist für ihn klar: er will zur Verkündigung Gottes leben. In Bremen beginnt er das Studium der Theologie bei keinem Geringeren als Theodor Undereyck. Doch in seinem »jugendlichen Leichtsinn« gibt er sich vielen Dingen hin, die sein Glaubensleben negativ beeinflussen. Er selbst nennt es zeitlebens »unreine Herzenslust« und ein Herz »voller Schwänke«. Diese »Jugendsünden« belasten ihn so sehr, dass er noch später seine Lieder und Gedichte oft mit folgender Strophe enden lässt:
»Der Sünd von meiner Jugend auf
und frechen Übertretung
gedenke nicht, zu Dir ich lauf,
Herr, meiner Seelen Rettung.
«
Erst als Theodor Undereyck vom theologischen Lehrer zum geistlichen Vater Neanders avanciert, ändert sich dessen Leben von Grund auf. Undereyck gilt als wortgewandter, aber einfacher Bußprediger. Er scheut sich nicht wie Blitz und Donner von der Kanzel aus zu predigen. Wir erinnern uns vielleicht an Gillhoffs »Ottern und Schlangenbrut« in der Kirchenrechtsvorlesung letzte Woche.

In »prüfenden Stoßtrupps« gehen Theologiestudierende in Undereycks Gottesdienste, um für ihre Spott- und Hasstiraden neue Munition zu bekommen. Und trotz eines solchen Ansinnens (oder gerade wegen?) geschieht es an einem Sonntagmorgen: Neander bekehrt sich unter vielen Tränen, wie uns überliefert wird. Der Wendepunkt in seinem Leben. Neander wird zum Psalmisten des Neuen Bundes und dichtet Lieder der Anbetung und des Lobes Gottes.

EG 317 (Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren), Strophe 1 + 2.

Später bekommt Neander durch seinen Lehrer eine Erzieherstelle in Frankfurt vermittelt.

In dieser Frankfurter Zeit setzt er nicht nur sein Studium an der Heidelberger Universität fort, sondern lernt auch den »Vater des Pietismus« kennen: Philipp Jakob Spener, der in seiner Programmschrift »Pia Desideria« die Verfallenheit der evangelischen Kirche diagnostizierte und insgesamt sechs »Lösungsvorschläge« unterbreitete. Einer davon: die »collegia pietatis«, in denen sich Christen außerhalb des allsonntäglichen Gottesdienstes zum gemeinsamen Lesen der Bibel und Gespräch trafen. Von dieser neu entstandenen Erweckungsbewegung tief beeindruckt, verstärkt Neander seinen Kontakt zu Spener. So lernt Neander auch Johann Jakob Schütz kennen, den Dichter des Liedes »Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut«. Seine Freundschaft zu dem pietistischen Liederdichter Schütz hat Neanders kreatives Schaffen tief inspiriert.

1674 erhält Joachim Neander einen Ruf der Düsseldorfer Lateinschule der reformierten Gemeinde und soll dort Rektor werden. Ohne Ordination nimmt Neander diesen Ruf an.
Doch wie sieht Düsseldorf 1674 aus? Trotz des Augsburger Religionsfriedens von 1555 ist Düsseldorf von steten Unruhen geplagt. Evangelisch-reformierte Gottesdienste werden teilweise verboten.

Ein großes Verlangen, das Evangelium den Menschen in Wort und Tat zu bringen, lässt Neander ganz im Sinne Speners ebenfalls »Hauskirchen« ähnliche Gemeinschaften gründen und pflegen. Aus dieser Arbeit heraus erwächst seine Tätigkeit als Liederdichter. 57 Lieder und 20 Melodien stammen aus seiner Feder.

Sein wohl bekanntestes Lied: »Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren.« Es entsteht in seiner Düsseldorfer Zeit, ehe er 1679 nach Bremen zurückkehrt. Im Norden angekommen, steht er als Prediger jeden Sonntag um fünf Uhr morgens auf der Kanzel der Bremer Martinikirche. Der Grund für die Rückkehr in seine Geburtsstadt: Die »Erbauungsstunden« sorgten für Auseinandersetzungen innerhalb der Düsseldorfer Gemeinde. Davon in Kenntnis gesetzt ist es sein Lehrer Undereyck selbst, der ihn nach Bremen holt.

Gott zu ehren, Gottes Größe anzuerkennen und sich selbst in die Schranken zu weisen. Die Gedanken nicht um sich selbst, sondern um die Majestät Gottes kreisen zu lassen – das war Neanders Anliegen. Sein künstlerisches Schaffen fokussierte sich auf die göttliche Größe. Egoistisches »Ich-Verlangen« in seinen Liedern zu kultivieren, wie man es heute viel zu oft findet, war ihm fremd.

Strophe 3 und 4.

Dass Neander über von Gott verliehene Gesundheit dichtet, erstaunt. Denn zeitlebens ist er ein kränklicher Mensch. Im Alter von 30 Jahren macht ihm eine schwere Krankheit zu schaffen. Ob es die Pest ist oder eine andere Krankheit, wissen wir nicht. »Es ist nicht so leicht, sich seiner Gemeinschaft mit Christo zu versichern, wenn man auf dem Kranken- und Todebette liegt, als wenn man frisch und gesund ist«, klagt er zu Beginn seines tagelangen Sterbens, ehe er kurz vor seinem Tod freudig ausruft:
»Ich will mich lieber zu Tode hoffen, als durch Unglauben verloren gehen.« Am Pfingstmontag 1680 sind seine letzten Worte die aus Jesaja 54,10: »Berge sollen weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen.«

Doch was bleibt? Was kann solch ein junger Mann seiner Nachwelt als Erbe mitgeben? Einerseits ist es sicherlich seine bedingungslose Hingabe, Gott und den Menschen zugleich zu dienen. Es ist erstaunlich, wie er alles in seiner Kraft Liegende tat, um anderen Menschen zu dienen: als Lehrer, als Erzieher und nicht zuletzt auch als geistlicher Vater.
Andererseits waren seine Lieder geprägt von der Anbetung Gottes. Anbetung, die aus einem Wissen um die Größe Gottes entsprang. Und hier sehe ich einen großen Gewinn. Mir persönlich fällt es oft sehr schwer Gott dann zu loben, wenn mir die Worte dazu fehlen: weil mich Sorgen plagen, weil Fragen an mir nagen oder ich unter Krankheit leide. Gerade im Krankenhauspraktikum haben wir das erlebt, aber auch hier im Kurs, dass das Leben seinen Lauf nimmt – und wir es gar nicht recht beeinflussen mögen. In diesem Momenten Lieder zu singen, fällt schwer. Dennoch den Blick auf Gott, den mächtigen König der Ehren zu richten, tut gut. Eine neue Perspektive und Hoffnung bekommen, weil wir einen großartigen und barmherzigen Gott haben.
Dabei können uns die Strophen von Joachim Neander helfen.

Strophe 5.

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