»Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld«.
6. 4. 2007 | von: David Brunner
»Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld«
Gedanken zu Karfreitag
Musste das sein? Ein blutiges Opfer, damit wir Menschen leben können? Hätte das nicht friedlicher sein können? Braucht Gott so etwas? Ist Gott blutrünstig?
Vielen Zeitgenossen leuchtet es nicht mehr ein, wieso Jesus so qualvoll am Kreuz sterben musste. Einige Gedanken dazu anhand des Liedes »Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld« des großen Liederdichters Paul Gerhardt, der dieses Jahr seinen 400. Geburtstag begeht.
1. Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld
der Welt und ihrer Kinder;
es geht und büßet in Geduld
die Sünden aller Sünder;
es geht dahin, wird matt und krank,
ergibt sich auf die Würgebank,
entsaget allen Freuden,
es nimmet an Schmach, Hohn und Spott,
Angst, Wunden, Striemen, Kreuz und Tod
und spricht: »Ich will’s gern leiden.«
So ist Jesus. Ein in Geduld Leidender. Ein in Stille Ertragender. Ein in Demut Gedemütigter. Jesus ist nicht der brüllende Löwe. Nicht der »Showman«, wie wir ihn manchmal gerne hätten. Jesus ist der, der diese unmenschliche Marterung und Folterung des Kreuzestodes auf sich nimmt, ohne mit seinem Schicksal zu hadern. Aber nicht nur die körperlichen Leiden quälen ihn. Auch die seelischen und geistlichen. Er wird verspottet, angespuckt, von Menschen mit fiesen Gesichtern wird er überschüttet mit Hohn und Spott. Und er spürt den Schmerz der Welt. Die geistliche Not. Die Sünden der Menschheit, die das Kreuz, das er tragen muss, noch viel schwerer machen.
2. Das Lämmlein ist der große Freund
und Heiland meiner Seelen;
den, den hat Gott zum Sündenfeind
und Sühner wollen wählen:
»Geh hin, mein Kind, und nimm dich an
der Kinder, die ich ausgetan
zur Straf und Zornesruten;
die Straf ist schwer, der Zorn ist groß,
du kannst und sollst sie machen los
durch Sterben und durch Bluten.«
Durch Sterben und durch Bluten sollen die Menschen frei und ledig ihrer Sünden werden. Aber wieso nur durch solch einen bitteren Tod? Wieso überhaupt durch den Tod dieses Gottmenschen? Damit alles, aber auch wirklich alles unter dem Mantel dieses Todes mit hineingerissen werden kann in den Abgrund der Sünde und um drei Tage später durch die Auferstehung ein für alle Mal besiegt werden zu können. Keine irdische und menschliche Macht ist stärker als der Tod. »Mit dem Tod ist alles aus!« hören wir die Menschen um uns herum sagen. Aber eben dieser Tod, diese scheinbar unüberwindbare Schlucht muss überwunden werden. Und dafür musste ein Unschuldiger sterben.
3. »Ja, Vater, ja von Herzensgrund,
leg auf, ich will dir’s tragen;
mein Wollen hängt an deinem Mund,
mein Wirken ist dein Sagen.«
O Wunderlieb, o Liebesmacht,
du kannst - was nie kein Mensch gedacht -
Gott seinen Sohn abzwingen.
O Liebe, Liebe, du bist stark,
du streckest den in Grab und Sarg,
vor dem die Felsen springen.
Ist das nicht grotesk? Der in Freiheit Liebende gibt seinen Sohn in den Tod und dieser macht sich ganz und gar abhängig von den Worten und dem Willen des Vaters. Kindliches Vertrauen? Blinder Gehorsam? Unzurechnungsfähig aufgrund der Schmerzen? Weder noch. Es ist die Macht der Liebe. Die Liebe, die Gott zu jedem einzelnen Menschen hat, die ihn nicht anders können lässt. Fast scheint es, als sei Gott nicht mehr der »in Freiheit Liebende«, wie es der Schweizer Theologe Karl Barth ausdrückte. Vielmehr meint man, die Liebe raubt dem Vater die Freiheit. Aber halt. Wie heißt es im ersten Johannesbrief: »Gott ist die Liebe!« Gott zwingt sich selbst zu etwas, das er hätte anders machen wollen - aber er konnte nicht. Es musste geschehen.
4. Mein Lebetage will ich dich
aus meinem Sinn nicht lassen,
dich will ich stets, gleich wie du mich,
mit Liebesarmen fassen.
Du sollst sein meines Herzens Licht,
und wenn mein Herz in Stücke bricht,
sollst du mein Herze bleiben;
ich will mich dir, mein höchster Ruhm,
hiermit zu deinem Eigentum
beständiglich verschreiben.
Für einen Menschen, der dieses Geschehen von außen betrachtet und in seiner Seele dadurch betroffen wird, ist dies die einzig logische Konsequenz: diesem Jesus, diesem Lämmlein, diesem Gedemütigten soll mein Leben gehören. Der, der für mich starb; der alles für mich gab; der nichts behielt, der in den bitteren Tod ging, der Schmerzen erleidete, die unmenschlich sind: diesem Jesus will ich angehören und seinen Tod für mich in Anspruch nehmen.
5. Ich will von deiner Lieblichkeit
bei Nacht und Tage singen,
mich selbst auch dir nach Möglichkeit
zum Freudenopfer bringen.
Mein Bach des Lebens soll sich dir
und deinem Namen für und für
in Dankbarkeit ergießen;
und was du mir zugut getan,
das will ich stets, so tief ich kann,
in mein Gedächtnis schließen.
Ein Mensch, der diesem Jesus folgt kann nicht anders, als sein Leben zur Ehre dieses Menschen, der zugleich Gott ist, führen. Sicher: es mag Tage geben, da fällt es einem nicht leicht. Das ist einfach so. Aber dennoch steht und fällt es mit der Entscheidung: Will ich diesem Jesus, diesem Lämmlein zu Ehre leben? Will ich in den Stürmen dieser Zeit, in dieser Gesellschaft, in meiner Umgebung, in meinem Freundeskreis, in meiner Familie zu diesem Jesus stehen und sagen: »Diesen ganzen Schmerz nahm er auf sich - für mich!«
6. Das soll und will ich mir zunutz
zu allen Zeiten machen;
im Streite soll es sein mein Schutz,
in Traurigkeit mein Lachen,
in Fröhlichkeit mein Saitenspiel;
und wenn mir nichts mehr schmecken will,
soll mich dies Manna speisen;
im Durst soll’s sein mein Wasserquell,
in Einsamkeit mein Sprachgesell
zu Haus und auch auf Reisen.
Korrespondierend zu der eigenen Entscheidung, das Leben zu Ehren dieses Lämmleins zu führen, steht hier dessen Zusage, in allen Lebenslagen und zu jeder Zeit uns nahe zu sein. In Freiheit. In Liebe. In guten, aber auch in schweren Zeiten hat man den Gepeinigten und Verhähnten an seiner Seite. Er, der das Schlimmste schon durchmachte steht an meiner Seite, wenn ich Schlimmes durchmache. Das kann mich trösten, weil er genau weiß, in welcher Situation ich bin.
7. Wenn endlich ich soll treten ein
in deines Reiches Freuden,
so soll dein Blut mein Purpur sein,
ich will mich darein kleiden;
es soll sein meines Hauptes Kron,
in welcher ich will vor den Thron
des höchsten Vaters gehen
und dir, dem er mich anvertraut,
als eine wohlgeschmückte Braut
an deiner Seite stehen.
Und hier das Faszinierende. Das Blut wird zu Purpur, die Dornenkrone zu einem hellen Schein. Weil Jesus selbst durch den Tod hindurch gegangen ist und diesen besiegt hat, können auch wir, die wir an Jesus glauben, dies tun am Ende aller Zeiten. Dann wird es eine Auferstehung zum Gericht geben. Und wem das Blut Jesu zum Purpur wird, der wird vor dem Thron Gottes anbetend stehen und dankend und lobpreisend sich daran erinnern, was dieser Jesus vor 2000 Jahren auf Golgata für uns Menschen tat.
Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn. Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. (Jesaja 53,4-7)
Diese Andacht erschien auch auf SOUND7.DE.
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